AubiPlus Ammerland zeigt, wie Fachkräftesicherung im Netzwerk gelingt
Während Unternehmen im ländlichen Raum händeringend Fachkräfte suchen, stehen Menschen mit Migrations- und Fluchtgeschichte auf ihrem Weg in eine qualifizierte Ausbildung häufig vor massiven Hürden. AubiPlus Ammerland bringt beide Seiten erfolgreich zusammen. Im Gespräch berichten Projektleiter Dirk Weißer und Sozialpädagogin Kateryna Rylova von der Kreisvolkshochschule (kvhs) Ammerland gGmbH über die Entstehungsgeschichte und die Gelingensfaktoren des Projekts.
Aus einer Herausforderung entsteht ein Netzwerk
Den Anstoß für die Entwicklung von AubiPlus gaben die Herausforderungen in der Pflegeausbildung. „Ende 2023 wurde im Ammerland intensiv über die hohe Abbruchquote in der Pflegeausbildung diskutiert, die teilweise bei bis zu 40 Prozent lag“, berichtet Dirk Weißer. Die kvhs Ammerland hat daraufhin den Kontakt zur Berufsbildenden Schule Ammerland gesucht, mit der sie bereits seit vielen Jahren eng zusammenarbeite. Gemeinsam entstand zunächst die Idee, Pflegeauszubildende mit einem Coaching-Angebot zu unterstützen. Dank einer Förderung des Landes Niedersachsen konnte das Vorhaben anschließend umgesetzt werden.
Die intensive Beschäftigung mit dem Thema Pflege führte dazu, dass die kvhs stärker in die Strukturen der Gesundheitsregion Ammerland eingebunden wurde. In regelmäßigen Netzwerktreffen kamen Pflegeeinrichtungen, Kliniken und weitere Akteure zusammen, um gemeinsame Herausforderungen zu diskutieren. „Besonders bemerkenswert war die große Einigkeit innerhalb des Berufsfeldes“ beschreibt Dirk Weißer die Arbeitsatmosphäre. Sowohl die Kliniken als auch die ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen teilten die Einschätzung, dass neue Wege zur Fachkräftesicherung notwendig waren.
Die kvhs Ammerland brachte ihre Erfahrungen als Bildungsträger in die Gesundheitsregion Ammerland ein und konnte zudem auf bereits bestehende Kooperationsstrukturen aufbauen. Als anerkannter freier Träger der Jugendhilfe ist sie Teil der Jugendberufsagentur und arbeitet dort mit der Agentur für Arbeit und dem Jobcenter eng zusammen. Gemeinsam wurden erste Unterstützungsangebote für internationale Auszubildende entwickelt, darunter Fachkräftestammtische, zusätzliche Sprachförderung sowie Beratungs- und Begleitstrukturen.
Eine Bildungsbrücke statt einer Einzelmaßnahme
Die Idee zu AubiPlus Ammerland entstand schließlich aus den Erfahrungen der Berufsbildenden Schule Ammerland mit Sprachlernklassen sowie aus der Arbeit der Kreisvolkshochschule mit dem Jobcenter und der Agentur für Arbeit. Gemeinsam entwickelten sie das Konzept einer gruppenbezogenen Einstiegsqualifizierung (EQ), um eine Brücke zwischen Integrationskurs und Berufsausbildung zu schaffen.
Ziel ist es, Menschen mit Migrations- und Fluchtgeschichte gezielt auf den Einstieg in eine Ausbildung im Pflegebereich vorzubereiten. Das Projekt richtet sich an erwachsene Personen, die nicht mehr schulpflichtig sind, über keinen anerkannten Berufsabschluss verfügen und mindestens Deutschkenntnisse auf dem Niveau A2 nachweisen können.
AubiPlus setzt dort an, wo klassische Einstiegsqualifizierungen häufig an ihre Grenzen stoßen. Während EQs meist individuell in einzelnen Betrieben stattfinden, verbindet das Projekt schulisches Lernen, Sprachförderung und betriebliche Praxis. An zwei Tagen in der Woche lernen die Teilnehmenden gemeinsam an der Berufsbildenden Schule Ammerland. Dort werden sie sprachlich und fachlich auf die Ausbildung im Pflegebereich vorbereitet und gleichzeitig individuell durch die Kreisvolkshochschule Ammerland begleitet. An den drei übrigen Tagen der Woche sammeln sie praktische Erfahrungen in kooperierenden Pflegeeinrichtungen.
Im Vergleich zu regulären Berufseinstiegsklassen, in denen junge Menschen mit ganz unterschiedlichen beruflichen Perspektiven zusammenkommen, liegt der wesentliche Unterschied von AubiPlus in der Zusammensetzung der Lerngruppe. „Was die Gruppe auszeichnet, ist ihre Homogenität. Alle verfolgen dasselbe Ziel: Sie möchten in die Pflege einsteigen“, berichtet Kateryna Rylova. Nach ihren Erfahrungen schafft diese gemeinsame Zielsetzung ideale Voraussetzungen für den Unterricht. Damit hebt sich das Projekt auch von Berufssprachkursen ab, die nach dem Integrationskurs besucht werden können. Denn dort werden in der Regel verschiedene Berufsfelder behandelt. „Für Menschen, die gezielt in die Pflege möchten, reicht das oft nicht aus“, weiß Kateryna Rylova.
Ein weiterer Erfolgsfaktor ist die enge Verzahnung von Sprachförderung und beruflicher Fachlichkeit. In der AubiPlus-Gruppe unterrichtet eine Lehrkraft, die regulär in der Pflegeausbildung der Berufsbildenden Schule arbeitet. So beschäftigen sich die Teilnehmenden bereits vor Ausbildungsbeginn mit pflegerischen Inhalten – allerdings in sprachlich angepasster Form. Gleichzeitig lernen sie die Berufsschule bereits als zukünftigen Lernort kennen. „Dadurch erhalten sie die Möglichkeit, frühzeitig in die Ausbildungsinhalte hineinzuschnuppern und sich schrittweise an die fachlichen Anforderungen heranzutasten“, erklärt Kateryna Rylova.
Inzwischen ist die AubiPlus fest im Schulalltag der Berufsbildenden Schule verankert. Dirk Weißer ergänzt: „Besonders erfreulich ist, dass auch die Lehrkräfte das Konzept sehr positiv bewerten. Die Klassen gelten als motiviert und lernbereit, weshalb die BBS das Modell weiterführt und inzwischen auch auf andere Berufsfelder – etwa das Handwerk – überträgt.“
Begleitung, die über den Unterricht hinausgeht
Ein weiterer Erfolgsfaktor von AubiPlus ist die kontinuierliche Begleitung der Teilnehmenden. „Wir begleiten den gesamten Prozess – vom Matching zwischen Teilnehmenden und Betrieben über Förderanträge bis hin zur Organisation und Begleitung der Praktika“, berichtet Dirk Weißer.
Ein wichtiger Aspekt ist laut Kateryna Rylova dabei die direkte Erreichbarkeit: „An den Unterrichtstagen bin ich vor Ort an der BBS und für die Teilnehmenden ansprechbar“ Die direkte Erreichbarkeit ermöglicht es, Probleme frühzeitig aufzufangen, bevor sie den Teilnahmeerfolg gefährden.
Die individuelle Unterstützung reicht dabei weit über organisatorische Fragen hinaus. „Wir unterstützen nicht nur beim Lernen. Wir helfen auch bei Fragen zur Kinderbetreuung, zu Behörden oder zur Krankenversicherung. Auch Themen wie Steuerklassen, Sozialversicherungsnummern oder andere behördliche Angelegenheiten spielen immer wieder eine Rolle“ beschreibt Kateryna Rylova den Alltag.
Enge Zusammenarbeit aller Akteure
Neben den organisatorischen und inhaltlichen Aspekten des Projektes beruht der Erfolg vor allem auf einer verlässlichen Kooperation aller beteiligten Institutionen. Besonders engagiert sind die Einrichtungen des Pflegenetzwerks: Sie stellen Praktikums- und Ausbildungsplätze bereit und investieren gezielt Zeit und Ressourcen, um den Fachkräftemangel langfristig zu bekämpfen. Doch nicht nur sie sind beteiligt. Auch die Projekte Welcome Center Ammerland und StartGuides Ammerland leisten einen wichtigen Beitrag, indem sie Betriebe beraten, Teilnehmende begleiten und bei der Bewältigung praktischer Hürden unterstützen.
„Das Projekt betrifft letztlich deutlich mehr Akteure, als man auf den ersten Blick vermuten würde“ berichtet Dirk Weißer. Selbst die Sozialämter der Kommunen waren tangiert, weil sich durch die Vergütung während der Einstiegsqualifizierung die finanzielle Situation der Teilnehmenden verändert und entsprechende Leistungen neu berechnet werden müssen. „Damit dieses Zusammenspiel funktioniert, braucht es Transparenz und eine enge Abstimmung zwischen allen Beteiligten“ ist Dirk Weißer überzeugt.
Erfolgreiche Übergänge
Wie wirksam AubiPlus ist, zeigen die ersten Ergebnisse. Dirk Weißer: „Von 20 Teilnehmenden, die im Oktober 2025 gestartet sind, haben lediglich zwei das Programm vorzeitig beendet. 18 Teilnehmende haben die Einstiegsqualifizierung erfolgreich abgeschlossen beziehungsweise befinden sich aktuell in der Abschlussphase. Sieben Teilnehmende wechseln unmittelbar in die dreijährige Pflegefachausbildung, weitere sechs beginnen eine Ausbildung in der Pflegeassistenz. Damit gelingt 13 von 18 Teilnehmenden der direkte Übergang in eine qualifizierte Ausbildung – eine Quote von rund 72 Prozent.“
Ein Beispiel ist Kateryna Rylova besonders in Erinnerung geblieben. Ein Teilnehmer aus Simbabwe gehörte fachlich und sprachlich zu den stärksten der gesamten Gruppe. Dennoch konnte er zunächst nicht in die Pflegefachausbildung wechseln, weil erforderliche Schulzeugnisse aus seinem Herkunftsland fehlten. Trotz intensiver Bemühungen ließen sich die formalen Nachweise nicht rechtzeitig beschaffen. Für alle Beteiligten – den Teilnehmer selbst, die Lehrkräfte und die Pflegeeinrichtung – war das eine große Enttäuschung.
Gleichzeitig zeigt der Fall, wie wichtig die enge Zusammenarbeit im Netzwerk ist. Die Pflegeeinrichtung wollte den Teilnehmer unbedingt halten und entwickelte gemeinsam mit der Kreisvolkshochschule eine alternative Perspektive. Voraussichtlich wird er zunächst ein Jahr in der Einrichtung arbeiten und anschließend die Ausbildung in der Pflegeassistenz beginnen. Darauf aufbauend kann später der Wechsel in die Pflegefachausbildung erfolgen. „Auch wenn sein Einstieg in die Ausbildung etwas später erfolgt als geplant, ist seine Entwicklung für mich ein großes Erfolgsbeispiel. Sie zeigt, welches Potenzial in den Teilnehmenden steckt und wie wichtig individuelle Begleitung und flexible Lösungen sind“, sagt Kateryna Rylova.
Für Dirk Weißer und Kateryna Rylova geht die Wirkung des Projekts auch weit über die Ausbildungszahlen hinaus. „Besonders beeindruckt hat mich eine Teilnehmerin, die ihre Einstiegsqualifizierung in einer Klinik absolviert hat“ erzählt Kateryna Rylova. „Dort wurde ihr zunächst eine Ausbildung mit späterem Beginn angeboten. Da sie aber möglichst schnell starten wollte, hat sie selbstständig nach Alternativen gesucht und eigeninitiativ einen Ausbildungsplatz zum gewünschten Termin gefunden.“ Für Kateryna Rylova zeigt das Beispiel, dass die Teilnehmenden nicht nur fachlich und sprachlich lernen, sondern auch Selbstvertrauen entwickeln. Sie werden zunehmend in die Lage versetzt, Perspektiven zu entwickeln, eigene Entscheidungen zu treffen und ihre Zukunft aktiv zu gestalten.
Dirk Weißer ergänzt: „Wenn eine Teilnehmerin sagt: ‚Jetzt kann ich ohne Angst zum Arzt gehen‘ oder ‚Jetzt kann ich an einem Elternabend teilnehmen‘, dann zeigt das, dass Integration weit mehr bedeutet als Sprache oder Arbeit. Es geht darum, Sicherheit, Zugehörigkeit und Perspektiven zu gewinnen.“
AubiPlus Ammerland als Modellprojekt
Die Erfahrungen aus dem Ammerland verdeutlichen, dass erfolgreiche Fachkräftesicherung mehr erfordert als einzelne Förderangebote. Nach Einschätzung von Dirk Weißer sind vor allem die enge Zusammenarbeit aller beteiligten Institutionen, eine starke Vernetzung mit den Betrieben sowie eine kontinuierliche Begleitung der Teilnehmenden entscheidend.
Die Wirkung zeigt sich nicht nur in den beruflichen Perspektiven der Teilnehmenden: „Wer heute erfolgreich eine Ausbildung in der Pflegeassistenz oder in der Pflegefachausbildung abschließt, hat hervorragende Beschäftigungsperspektiven. Das Projekt leistet damit nicht nur einen Beitrag zur Integration, sondern auch zur nachhaltigen Fachkräftesicherung in der Region“, beschreibt Dirk Weißer.
Nach dem erfolgreichen Start wird AubiPlus nun weiterentwickelt. Neben einer zweiten Pflegeklasse entsteht erstmals auch eine Einstiegsqualifizierung im Handwerk. „Damit entwickelt sich das ursprünglich für die Pflege entstandene Konzept zunehmend zu einem übertragbaren Modell für die Fachkräftesicherung in unterschiedlichen Branchen“, berichtet Dirk Weißer.