Die Calenberger Backstube - Erfolgreich mit Vielfalt
Wir stellen Ihnen einen Ausbildungsbetrieb vor, der Tradition und Moderne perfekt miteinander verbindet und die Chancen der Vielfalt nutzt: Die Calenberger Backstube Oppenborn OHG, Pattensen ist in der neunten Generation ein familiengeführtes Handwerksunternehmen mit 25 Filialen und 270 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Jährlich werden im Schnitt 15 Auszubildende in Bäckerei, Konditorei, Verwaltung und Verkauf ausgebildet.
Wir konnten Bäckermeister und Geschäftsführer Kai Oppenborn, Filialleiterin und Ausbilderin Bayda Hassan und den Auszubildenden Mohammad Yousef für ein Interview gewinnen.
Nach welchen Kriterien entscheiden Sie sich für eine/n Bewerber*in? Gibt es Ausschlusskriterien?
Kai Oppenborn: Wichtig ist, dass sie Spaß an der Sache haben, das ist ganz weit oben. Wir gucken natürlich auf das Arbeitsverhalten und die Fehltage im Zeugnis, das ist wichtiger als gute Noten. Außerdem macht jede/r Bewerber*in bei uns einen Eignungstest. Der ist aber nicht immer ausschlaggebend für die Entscheidung, ob wir jemanden einstellen oder nicht, sondern hilft uns, die Stärken und Schwächen der/der Bewerbers*in einzuschätzen, um von vornherein bestmögliche Unterstützung zu bieten.
Was ist denn gefragt in dem Eignungstest und wie läuft das Bewerbungsverfahren?
Bayda Hassan: Etwas Allgemeinwissen wird im Test gefragt und auch Fragen über das Unternehmen. Denn es gehört ja dazu, dass man sich vorher über die Firma informiert, bei der man sich bewirbt. Ein bisschen Mathe ist natürlich auch dabei. Die letzte Frage ist, was die Wünsche und Ziele während der Ausbildung sind. Der Test dauert ca. eine halbe Stunde. Während des Praktikums kann man aber auch viele Fragen stellen, denn alle machen vorher ein Praktikum von ein bis zwei Wochen. Das ist sehr wichtig, viele kennen den Beruf gar nicht und haben eine andere Vorstellung. Dann können die Bewerber*innen während des Praktikums gucken, ob die Firma zu ihnen passt. Und wir können gucken, ob der Praktikant zu uns passt. Freiwillige Praktika in den Ferien sind bei uns auch möglich und einige Schüler*innen nutzen das auch.
Kai Oppenborn: Schlussendlich stellt es sich erst im Tun raus, ob es wirklich gepasst hat. Grundsätzlich gibt es aber keine Ausschlusskriterien.
Wie finden Sie Ihre Auszubildenden?
Bayda Hassan: Wir gehen auf Schulmessen und das Speeddating der Handwerkskammer, suchen aber auch online über die Internetseite und die sozialen Medien und in den Filialen liegen Flyer aus.
Kai Oppenborn: Wenn wir die Möglichkeit bekommen, sind wir immer bei Messen dabei, wenn einer der beiden Ausbilder*innen Zeit hat. Wir werden gesehen und wahrgenommen und das nützt uns. Dieses Jahr haben wir unter anderem alle Schulen der Region angeschrieben und angeboten, dass die Schüler*innen in den Betrieb kommen können, um sich ein Bild von einer modernen Handwerksbäckerei zu machen. Das haben auch einige angenommen, sechs Jugendliche waren da und haben sich im Betrieb informiert. Ein paar Backstubenführungen von ganzen Schulklassen stehen noch aus. Wir hatten vorher einmal Flyer an die Schulen zum Auslegen geschickt, aber das wollten einige Schulen nicht. Die Anschreiben per Mail waren außerdem erfolgreicher als die Flyer-Aktion. Allerdings meinten einige Schulen, sie hätten für uns die falsche Klientel. Ich habe unter anderem mit einer Lehrkraft für Berufsorientierung an der Realschule gesprochen, die meinte „Wir haben hier nicht die richtige Zielgruppe, wenden Sie sich besser an die Hauptschule“. Dabei bieten wir auch das Duale Studium und sogar das Triale Studium an. Ich finde es ziemlich problematisch, wenn Lehrkräfte, die für die Berufsorientierung junger Menschen verantwortlich sind, in der heutigen Zeit noch solche Denkweisen haben.
Wie gehen Sie mit Vielfalt um? Gibt es zum Beispiel bestimmte Werte und Regeln im Betrieb, die sich auf die Zusammenarbeit beziehen?
Kai Oppenborn: Ein gutes Miteinander ist uns wichtig, darauf basiert sehr viel, dass wir gut miteinander klarkommen und respektvoll untereinander sind. Wir erwarten von den Auszubildenden, dass sie sich Mühe geben, bei allem anderen helfen wir dann. In der Schule kann jede*r mal auf dem Schlauch stehen, das kann immer sein. Nur wenn im Arbeits- und Sozialverhalten steht „entspricht nicht den Erwartungen“ und dann noch schlechte Noten dazu kommen, dann wird es schwierig.
Wie profitieren Sie von der Vielfalt, was sind die Chancen für Ihr Unternehmen?
Kai Oppenborn: Auf jeden Fall sehen wir Chancen. Der Ausbildungsberuf des Bäckers hat überall im europäischen Ausland mehr Ansehen als in Deutschland selbst. Die deutschen Backwaren und die Brotvielfalt sind sehr hoch angesehen im Ausland. Deutschland ist auch das einzige Land, in dem man einen Meistertitel braucht, um Brot gewerblich verkaufen zu dürfen. Nur in Deutschland selbst hat der Beruf so ein Geschmäckle, wie früh aufstehen, nachts arbeiten, es ist staubig usw. was allerdings in der modernen Handwerksbäckerei nicht mehr zutrifft.Es kommen junge Menschen aus anderen Ländern hier her – aus verschiedensten Gründen – und haben Lust darauf, diese Berufe zu erlernen, darin sehe ich eine Chance. Es ist bekannt, dass wir in Deutschland dringend Fachkräfte brauchen, insofern profitieren wir davon. Natürlich ergeben sich daraus auch Herausforderungen.
Bayda Hassan: Eine Chance ist auch, dass wir viel voneinander lernen. Die Arbeitsmentalitäten sind unterschiedlich, was aber nicht nur von der Herkunft abhängt. Aber man lernt viel voneinander und untereinander.
Wie gehen Sie mit individuellen Bedürfnissen um?
Bayda Hassan: Es gibt keine besonderen Regelungen. Klar gibt es beim Arbeitsplan Wünsche, der eine möchte früh arbeiten, der andere lieber später. Aber darauf stellen wir uns bestmöglich ein.
Was wünschen Sie sich als Unterstützung bei der Suche nach passenden Auszubildenden und auch während der Ausbildung?
Kai Oppenborn: Die ganze Bürokratie, die dahinter hängt, ist ein Problem. Wir haben z.B. zwei Auszubildende aus Vietnam die mit einem hochqualifizierten
Visum für ein Studium nach Deutschland gekommen waren. Mit dem Studium klappte es nicht und dann wollten sie bei uns eine Ausbildung machen. Mit einem hochqualifizierten Visum können sie aber keinen Ausbildungsvertrag unterschreiben. Dafür bräuchten sie ein neues qualifiziertes Visum aus Vietnam.
Um das zu bekommen, brauchen sie aber einen Ausbildungsvertrag, den wir nicht schließen können, weil sie ein falsches Visum hatten. Das Ganze hat dann drei Monate gedauert und es ging nur, weil wir uns dahintergeklemmt haben. Bei kleineren Unternehmen stelle ich mir das extrem schwierig vor, weil der Aufwand so hoch ist.
Ein weiteres Thema ist die Schulausbildung. Da muss dringend etwas passieren, um den aktuellen Anforderungen des Ausbildungsmarktes gerecht zu werden. Es geht um die fachtheoretische Ausbildung in Kombination mit der sprachlichen Ausbildung. Junge Menschen, die sich für unsere Berufe begeistern gehen uns verloren, wenn es in der Schule und auch Richtung Prüfung sprachlich schwierig wird. Dazu gab es schon mehrere Termine mit der Handwerkskammer, der Innung, der Schule BBS 2 und dem Kultusministerium. Fest steht, dass es schon viele Angebote gibt, die der Sprachförderung speziell für Auszubildende dienen. Fakt ist aber auch, dass es keine zentrale Stelle gibt, die diese Vielzahl an Angeboten koordiniert. Hier besteht dringend Handlungsbedarf.
Die Bäckerinnung Region Hannover und der Landesinnungsverband Niedersachsen/Bremen setzen sich aktuell für diese Thema ein. Wir haben auch mi der BBS2 eine tolle Schule, die sich engagiert und würden gerne als Bäcker vorweg gehen. Denn egal was aktuell angeboten wird, es ist immer auf freiwilliger Basis, entweder der Betrieb stellt frei oder der Auszubildende sagt, zu meinen 40 Stunden Ausbildung gebe ich noch ein paar Stunden oben drauf. Das ist echt ein Problem.
Was würden Sie Unternehmen empfehlen, die zum ersten Mal Jugendliche mit Migrationsgeschichte ausbilden?
Bayda Hassan: Wenn man sich für Auszubildende entscheidet, die der deutschen Sprache nicht so mächtig sind, braucht man Zeit und muss sie unterstützen, aber das lohnt sich auch.
Kai Oppenborn: Wir merken gerade im Verkauf, wie steil die Lernkurve ist, wie schnell die Auszubildenden Deutsch lernen. Die Zeit und Geduld sollte man investieren.
Fragen an den Auszubildenden Mohammad Yousef:
Warum haben Sie sich für diesen Beruf entschieden?
Mohammad Yousef: Ich habe Bayda beim Speeddating der Handwerkskammer getroffen, den Beruf kannte ich vorher nicht. Ich hatte mich bei mehreren Unternehmen auch für andere Berufe beworben und viele Ablehnungen bekommen. In einem Vorstellungsgespräch hat der Arbeitgeber gefragt: An meiner Stelle, wen würden sie nehmen, einen Deutschen oder sie? Wegen meiner Sprache, das war schwierig, aber man lernt auch. Ich wollte unbedingt einen Ausbildungsplatz finden, denn eine Ausbildung ist besser als nur arbeiten. Jetzt bin ich im zweiten Ausbildungsjahr, nächstes Jahr mache ich die Prüfung.
Was gefällt Ihnen bei der Arbeit?
Mohammad Yousef: Mir macht die Arbeit mit den Kollegen Spaß, der Arbeitgeber ist sehr aufmerksam. Die Kollegen bringen mir Deutsch und die Kommunikation miteinander und mit den Kunden bei. Ich mache alles gerne, ich fange morgens in der Frühschicht um sechs Uhr an. Den Arbeitsplan bekomme ich rechtzeitig, immer 1 ½ Monate vorher.
Wie haben Sie die Ausbildung bei der Calenberger Backstube gefunden?
Mohammad Yousef: Beim Speeddating der Handwerkskammer, ich war zu der Zeit in einer Maßnahme beim BNW (Bildungswerk der Niedersächsischen
Wirtschaft), sie haben mir beim Lebenslauf geholfen und bei den Bewerbungsunterlagen und mich vorbereitet. Es waren auch noch Corona-Maßnahmen beim Speeddating, man musste warten und Abstand halten.
Was würden Sie anderen Jugendlichen empfehlen, die auf der Suche nach einer Ausbildung sind?
Mohammad Yousef: Ich komme aus Syrien und bin seit 2015 in Deutschland. In der ersten Zeit in Deutschland verliert man viel Zeit, wenn man auf seinen Aufenthaltstitel wartet. In dieser Zeit durfte ich keinen Deutschkurs machen und durfte auch nicht arbeiten. Das ist verlorene Zeit. Man sollte sich ein Ziel suchen und versuchen, Deutsch zu lernen.
Bayda Hassan: Es ist nicht gut, dass man in den ersten Jahren, wenn man auf seine Anerkennung wartet, nicht Deutsch lernen kann. Wir hatten zum Beispiel eine Auszubildende, die kaum Deutsch konnte und nach einem Jahr im Verkauf konnte sie gut sprechen. Das ist viel sinnvoller. Mohammad Yousef: Im Kurs lernt man nicht so viel, wie bei der Arbeit, man lernt viel Grammatik, aber nicht sprechen.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Mohammad Yousef: Ich wünsche mir für die Zukunft meine Ausbildung abzuschließen, einen guten Job und das Leben in Sicherheit und Freiheit zu genießen.